Hamburger Abendblatt, 27.10.12

Die Jagd nach dem trügerischen Helfer Rausch

 

Miriam Fiordeponti ist eine eindrucksvolle »Säuferin« nach René Schweizer

 

Der Alkohol ist ein verführerischer Seelentröster in der Not, ein »Anker und ein Rettungsboot«, wie es einst Ruhrpottbarde Herbert Grönemeyer besang. Er vernebelt die Sinne und stiftet süßes Vergessen unliebsamer Realitäten. Regine hat einen Universitätsabschluss und, gerne mal Aristoteles zitierend, einen luziden Blick auf die Welt. Doch sie trinkt. Mit seinem Monolog »Die Säuferin« wollte der Autor René Schweizer seine Figur nach eigenen Angaben zu einer Ikone des Säufertums stilisieren.

 

Ein denkwürdiges Ansinnen.

 

In Kenneth Hubers Regie ist das zur Premiere in der urigen M & M Bar des Maritim Hotels Reichshof zunächst einmal eine äußerst stilvolle Ikone. In ihrem eleganten Kleid versprüht Regine-Darstellerin Miriam Fiordeponti das Selbstbewusstsein einer Frau in mittleren Jahren. Ohne viel Aufhebens wirft sie sich auf die Lehne eines Klubsessels und schnorrt bei einem Premierenbesucher erst mal eine Zigarette.

 

Was sie da, mal wie eine Tigerin im Käfig hin- und herstreifend, mal an einen Barhocker lehnend, erzählt, klingt allerdings reichlich düster. »Der Alkohol war mein Freund«, bekennt sie. Von der großen Liebe verlassen, griff Verzweiflung mit starker Hand nach ihr. »Eine halbe Flasche Wodka half über das Gröbste hinweg.« Noch jetzt schwärmt sie von der wohltuenden Ruhe, von der Wärme, von dem Wein, der die Essenz der Erde sei. Und greift, den berauschenden Tropfen rühmend, auch mal zu einer Binsenweisheit: »Jede Flasche hat ihren Grund und Boden.«

 

Nicht länger auf das große Glück hoffend, checkte sie in eine Entzugsklinik ein. Seither geht es nur noch um Schadensbegrenzung. Familie, Freunde, alles blieb bei ihrer Jagd nach dem Rausch auf der Strecke. Die Hamburger Schauspielerin Fiordeponti gibt Regine eine bemerkenswerte Würde, auch wenn sie manchen Besucher durchaus nachdenklich in sein schimmerndes Glas blicken lässt. »Die Säuferin« sucht noch im Scheitern auch das Heitere. Und wenn Regine sich nach sieben Monaten Entzug tatsächlich auf eine neue Aufgabe als Tierpflegerin freut, klingt es beinahe wie ein Happy End.

 

Annette Stiekele

»Der Bund« im Kairo: Die Säuferin

 

Miriam Fiordeponti ist »Die Säuferin«. Ein Monolog von René

Schweizer.

 

Er passt in keine Schublade, deshalb nennt man ihn wohl ein »Original«: Der

Basler Theaterschauspieler und Schriftsteller René Schweizer ist berühmt

geworden mit dem »Schweizer Buch« aus genialen Nonsens-Briefen.

 

Aufgrund von eigenen Erfahrungen und nach intensiven Gesprächen mit einer

Leidensgenossin während einer Entziehungskur entstand der Monolog »Die

Säuferin«: schonungslos ehrlich, unprätentiös, berührend. Eine Alkoholikerin

legt Rechenschaft ab über die Motive für ihr Trinken, die kurzen euphorischen

Glücksgefühle und die darauf folgenden Depressionen. Das ganze Potential der

Selbstzerstörung wird allmählich sichtbar.

 

Die Schauspielerin Miriam Fiordeponti war von René Schweizers Text so

beeindruckt, dass sie sich entschloss, den Monolog in geeigneter Umgebung auf die Bühne zu bringen. Und so wird das Publikum an einem Ort mit der

»Säuferin« konfrontiert, wo unter anderem auch Alkohol getrunken wird.

 

Alexander Sury, Der Bund, 28.02.2011, Bern